Warum auf ein Orchester schauen – ein altes, verstaubtes System??

In den letzten 10 Jahren habe ich mich intensiv damit beschäftigt, in der Welt der klassischen Symphonieorchester genau jene Punkte herauszuschälen und zu analysieren, die eine Bereicherung für die Welt der Wirtschaft und vor allem unsere Gesellschaft im Allgemeinen sein könnten. Dabei stand das Thema Leadership im Mittelpunkt meiner Betrachtungen.

Aus meiner Sicht sind diese Punkte in zwei Ebenen zu finden:

  • in der Kunst im Allgemeinen

  • und im Symphonieorchester im Speziellen.

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Was ist denn eigentlich Kunst? Wie kann man sie definieren – und vor allem: was hat das dann mit der Wirtschaft und unserer Gesellschaft zu tun? 

Der erste Blick in die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia gibt uns schon einige Hinweise: „Das Wort Kunst (lateinisch ars, griechisch téchne) bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit von Menschen, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist.“

Kunst definiert sich nach diesem Zugang also durch Entwicklung und Tätigkeit  – also nicht durch Liebhaberei und untätiges Warten auf den Musenkuss.

Für mich als Musiker / Künstler ist die Reihenfolge der Bereiche, die diese entwickelte Tätigkeit ermöglichen, interessant! Denn in der üblichen Wahrnehmung scheint dies genau umgekehrt zu sein: Kunst wird meist durch Intuition / Inspiration / Kreativität beschrieben. Fertig. Wie aber diese Definition zeigt, braucht es vor (!) der Intuition auch die anderen Bereiche. Wissen, Übung, Wahrnehmung und Vorstellung.

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Werfen Sie mit mir einen kurzen Blick auf diese 4 Punkte:

  • Jeder Künstler muss zuerst so viel wie möglich über seinen Bereich der Kunst wissen: von der Geschichte, der Traditionen, den Techniken, über andere Künstlern etc.. Nicht umsonst dauert ein Kunst-Studium besonders lange und besteht, neben den praktischen künstlerischen Fächern, aus vielen Theorie-Fächern. Aber auch die Themen, die uns Menschen und unser Zusammenleben ausmachen, muss er kennen und sich intensiv damit beschäftigen.

  • Dass Übung wichtig ist, mag in diesem Zusammenhang selbstverständlich sein. Sie kennen dieses Thema vielleicht aus Ihrer Kindheit und den Versuchen ein Instrument zu lernen, oder sich in Bildnerischer Erziehung in der Schule weiter zu entwickeln. In anderen Bereichen der Gesellschaft und der Wirtschaft fehlt dieses „Üben“ oft und wird verharmlosend mit „Erfahrung“ benannt. Erfahrung sammeln wir in der darstellenden Kunst aber erst in der Aufführung, der Performance, selber.

  • Die Wahrnehmung bedarf besonderer Beachtung. Künstlerische Arbeit berührt, wenn sie sich auf Situationen, Entwicklungen oder Themen bezieht, die entweder zeitgemäß oder zeitlos menschlich sind. Um als Künstler Bezug nehmen zu können, muss man natürlich beobachten, analysieren, kurz: wahrnehmen können, was in und um uns geschieht. In manchen Künsten ist das eindeutig – nehmen Sie die bildende Kunst: Vincent van Gogh oder Claude Monet haben eindeutig Ihre Umwelt wahrgenommen und verarbeitet. In anderen Künsten, vor allem in der Musik, ist das weniger offensichtlich. 

  • Der kraftvolle Antrieb für die künstlerische Tätigkeit schließlich ist die Vorstellung, die Intuition, die Vision, oder nennen wir es „der künstlerische Traum“! Viele Künstler sind dabei so visionär, dass sie gegen viel Widerstand und Unverständnis ankämpfen müssen!

Eine Beschäftigung mit diesen vier Bereichen is aus meiner Sicht also auf die Entwicklung aller Bereiche des Lebens übertragbar, in die Gesellschaft: ins Persönliche, in den Sport und eben auch in die Wirtschaft.

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Die zweite Ebene ist meine Welt eines klassischen Symphonieorchesters. Die Struktur eines Orchesters lebt schon seit einigen Jahrhunderten. Daher gibt es aus dieser Welt viele Erkenntnisse, die man in andere Umgebungen übertragen kann – ein mir besonders wichtiger ist Ihnen bekannt: der Dirigent als beispielhafte Führungskraft.

Ein Punkt, den ich bisher noch nicht in meine Blogs erwähnt habe, scheint mir allerdings besonders wichtig zu sein: Die Arbeit in und mit einem Orchester ist geprägt von Zeitdruck und muss daher besonders effizient sein! Im Normalfall hat ein Orchester 2-3 Tage Zeit, um gemeinsam ein ganzes komplexes Programm für ein Konzert vorzubereiten. Da müssen die Rollen und Aufgaben klar sein, jeder muss bestmöglich qualifiziert und vorbereitet sein, denn in der gemeinsamen Vorbereitungs- und Probenzeit gibt es wenig Platz für persönliche Kontroversen und andere Reibungsverluste.

Dieser Zeitdruck und die dadurch „erzwungene“ Effizienz in einer großen Gruppe scheint mir der große Unterschied zu vielen anderen Künsten zu sein. Romane, Bilder, Skulpturen, etc. entstehen meist ohne Zeitdruck – auch wenn es oft Deadlines gibt. Und vor allem in unserer schnelllebigen Zeit zahlt es sich aus, diese Tatsache genauer zu betrachten. Um effizient arbeiten zu können, müssen folgende Punkte und Bereiche geklärt sein:

  • genau definierte Rollen

  • genau vereinbarte Aufgaben

  • klar organisierte zeitliche Strukturen (mit Pausen!)

  • klare, aber flexible Hierarchien: diese können sich je nach Situation verändern

  • die Vorbereitung 

  • Raum für Aktionen aus dem Moment heraus

  • neben den strukturellen Klarheiten müssen vor allem auch die zwischenmenschlichen Punkte geklärt sein: die Haltungen und Werte – kurz die Kultur:

    • Respekt – auf einer inhaltlichen wie menschlichen Ebene

    • gegenseitiges Vertrauen

    • Verständnis für das gemeinsame Projekt

    • Verständnis für die Wichtigkeit jedes Einzelnen (auch wenn die Rolle unwichtig scheint)

    • eine gewisse Bescheidenheit = das Ganze steht immer über dem Persönlichen

Und damit nicht genug: Kunst strebt immer zum Besten und Höchsten – Mittelmaß ist der Tod jeder Kunst! Genau darum lohnt es sich, sich mit der wahren Kunst zu beschäftigen: die Kunst, die berührt.

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Schließen möchte ich in diesem Sinne mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe:

Wenn es eine Freude ist, das Gute zu genießen, ist es eine größere, das Bessere zu empfinden, und in der Kunst ist das Beste gut genug.

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